Buchtipps von Max Frei
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Afrikanische
Läufergeschichten...
Es war einmal ein afrikanischer Bub, der rannte und rannte... - so
könnten sie alle beginnen, die „afrikanischen Läufergeschichten", die der freie
Sportjournalist Ro-hert Harrmann in einem kleinen, feinen Büchlein gesammelt
hat. In durchaus afrikanischer Erzähltradition berichtet er von den großen und
kleinen Taten und Schicksalen der Wunderläufer.
Der (Geschichten-) Erzähler hat sich dazu in beeindruckender, weil
ruhiger, natürlicher und einfacher Sprache den Mythen rund um die schwarzen
Laufkoryphäen aus dem ostafrikamschcn Hochland angenähert. Eben so einfach wie
die Sprache, ist der innere Aufbau des Buches. Hartmann geht sie alle
nacheinander durch, die Ronos, Gebreselassics und Tergats. Jeder Laufstern am
weiten afrikanischen Himmel wird auf intime Weise in einigen Zeilen mit seiner
persönlichen Geschichte nachgezeichnet. Was aber am Ende dieses Buches steht
ist, das beeindruckende Mosaik der afrikanischen Laufwelt, in der all die
kleinen, scheinbar individuellen Details zum großen Mythos der Wundcrläufer aus
dem ostafrikanischen Hochland zusammengewachsen ist.
Natürlich erfährt man wieder von den inzwischen fast klischeehaften
ßarfuß-Läufern und von den laufend zurückgelegten Schulwegen. Doch Hartmanns
Mosaik vermittelt in seinen zarten, fast liebevollen Schilderungen viel tiefere
Einblicke in die Seelen dieser Läufer. Auch hier korrespondiert die
gestalterische Schlichtheit des Bändchens mit der Einfachheit, Bescheidenheit -
ja fast Schüchternheit - und Demut, der dargestellten Protagonisten. Die Details
erhellen die Vorstellungen, die man sich vom afrikanischen Läufer gemacht hat,
und immer wieder wird man in den Bann ihrer Geschichten gezogen. Fast spürt man
die rote Erde, riecht die klare Luft und sieht das leuchtende Licht Afrikas.
Dabei schmunzelt man, staunt, lächelt, freut und ärgert sich - und schneller als
erwünscht, ist man selbst im lustvollen Stil eines afrikanischen Läufers durch
die Seiten gerannt und hat nun die Wahl, zu warten bis es neue
„Läufergeschichten" gibt, oder selbst hinaus zu gehen und loszurennen, um dem
beim Lesen aufkommenden Bewegungsdrang freien Lauf zu lassen.
Natürlich wird der Streifzug durch die Steppe auch zum retrospektiven
Streifzug durch die letzten Jahrzehnte des internationalen Langstreckenlaufes.
Zwischen den Porträts schimmern immer wieder Erinnerungen und die spannendsten
und packendsten Entscheidungen der Laufgeschichte durch, deren Protagonisten
stets die vorgestellten Läufer sind. Gut, dass man von ihnen mal etwas anderes
erfährt als Platzierung und Zeit!
Wer hier allerdings Trainingspläne oder Trai-nigstipps sucht wird
enttäuscht werden, oder verfügen diese außergewöhnlichen Läufer über ein
„Geheimnis"? Hartrnanh nähert sich dieser Frage über Hintergrundgescliichten nur
tastend an. Doch nach und nach kristallisiert sich ein wichtiger Aspekt heraus,
der das ganze Buch als roter Faden durchzieht.
Es ist die
Nächstenliebe, Bescheidenheit und Tatenkraft, die diese Läufer bei jedem
Atemzug aus der Höhenluft ziehen und die ihr Leben, egal bei welchen sportlichen
Erfolgen, immer in einen gesunden, weil über den Wettkampf hinausgehenden
Kontext stellt. Vielleicht ist das die neue Erkenntnis die man auf der Suche
nach dem „Geheimnis" der afrikanischen Läufer aus Hartmanns Schilderungen ziehen
kann.
Roheit Hartmann:
Läufergeschichten aus Afrika.
Harald Schmid Verlag 19,90 €
