Die Einsamkeit des
Langstreckenläufers
Jeder ist beim Zieleinlauf ein kleiner Sieger/Berlin Marathon 2002:
Eine Nachbetrachtung von Max Frei
(Oberbadisches Volksblatt – Donnerstag, 10. Oktober 2002)
Berlin. Bushaltestelle Tegeler Brücke am
Sonntagmorgen. Weit im Westen der Stadt. Da ist sie wieder, die Einsamkeit des
Langstreckenläufers. Unruhig steht er da im Morgengrauen, wartet auf den
6-Uhr-56-Bus. Ein kritischer Blick zum Himmel, Es gibt heute keine Ausreden. Die
Bedingungen sind optimal. In der kleinen Plastiktasche die wenigen Utensilien,
die er jetzt vor dem Start noch braucht. Die Startnummer, Energieriegel, was zu
trinken. Gott sei Dank, der Bus kommt pünktlich.
Um fünf Uhr morgens begann die Unruhe im Hotel in Berlin-Spandau. Marathonläufer
sind Frühaufsteher. Auch ich verlasse das warme Bett. Vorbei mit der
Gemütlichkeit, Der Tag auf den so vieles in den letzten Wochen hin ausgerichtet
war, scheint nun wirklich angebrochen zu sein. Berlin Marathon.
42,195 km warten auf die Läufer, die sich beeilen zum Frühstück zu kommen. Bis
spätestens sechs Uhr müssen wir gegessen haben, der Verdauungszeit wegen ...
An den Tischen wird wenig gesprochen, konzentrierte Atmosphäre vor dem Start.
Jeder folgt einem wohl überlegten Ablauf, alles individuell abgestimmt. Ein
Brötchen mit etwas honig, das muss genügen. Nur keine allzu schweren Sachen. Mit
der Tischnachbarin komme ich ins Gespräch. Sie sei nur Betreuerin sagt sie. Als
ich ihr aber erzähle, dass ich noch eine Startnummer eines Vereinskollegen habe,
der nicht antreten kann, wird sie unsicher. Soll sie vielleicht doch starten?
Spontan, aus purer Lust? Die Verführung ist groß, das sehe ich ihr an.
Der Berlin Marathon ist seit Monaten „ausverkauft“, nur auf dem Schwarzmarkt
gibt es noch Startplätze. Der stolze Preis: bis zu 200 Euro. Das Laufevent lockt
dieses Jahr um die 50 000 Sportler in die Hauptstadt. Dabei sein ist da für die
meisten erst einmal gar nicht so einfach. Doch der Kreis der „Marathonis“ wird
größer und größer. In Berlin ist der ganze Lauf ein einzigartiges Fest, für die
Teilnehmer wie für die Zuschauer. Der Ruf Berlins, dieser 42 stimmungsgeladenen
Kilometer, reicht um die ganze Welt. Französisch hört man im Bus, eine ganze
Gruppe Italiener steigt zu, Dänen, Holländer, Schweizer.
„Wir bringen Sie zum Start“, leuchtet es
in großen Lettern von der Anzeigetafel an der U-Bahnstation Haselhorst.
Umsteigen. Aus allen Winkeln kommen Trainingsanzüge begleitet und betreut von
Ehepartnern, Verwandten und Freunden. Die kleine Schar aus dem 133er Bus mischt
sich darunter. Die Masse wächst an.
Gestern, bei einem kohlenhydratreichen Abendessen in Friedrichshain, habe auch
ich meine Begleiter instruiert. „Von Kilometer drei kann man es gut zur zwölf am
Potsdamer Platz schaffen. Da habt ihr Zeit. Dann weiter zur 25 an der
Grunewaldstraße. Das wird eng – aber da brauche ich unbedingt die Flasche! Super
wäre es, wenn ihr auch noch zur 38 kommt, vielleicht mit der U-Bahn, versucht es
mal, da brauch ich euch, denn da beginnt das Leiden ...
Ein unheimliches Kollektivschicksal breitet sich über die im U-Bahn-Wagen
Sitzenden aus. Noch neunzig Minuten bis zum Start. Die geheime Anspannung kann
keiner wirklich verbergen. Sie nesteln in Taschen rum, schütteln ihre Muskeln,
blicken aufgeregt auf die Schuhe der „Gegner“.
Haltestelle Ernst-Reuter-Platz. Gestern noch freute ich mich über jeden
einzelnen Läufer, den ich in dieser Millionenstadt zwischen all den „normalen“
Menschen auszumachen glaubte. Eine Berliner Freundin sagte mir: Ej, Berlin is so
groß, da merkste nich automatisch, wenn 50 000 Läufer da rumrennnen“ – gerade
deshalb war ich geneigt den Geheimbund, der uns verbindet, durch einen Gruß
anzudeuten: „Morgen packen wirs, ich freu mich schon ...“
Jetzt also gilt es. So voll wird die U-Bahn selbst in Berlin selten sein. Die
vereinzelten Versprengten, die von einer langen Nacht Heimkehrenden, die
Obdachlosen, sie müssen sich angesichts dieser ungeheueren Läufermassen
vorkommen wie in einem falschen Film. Fast schon bedrohlich ist die asketische
Entschlossenheit zur Selbstkasteiung. Er kann den Außenstehenden schon
verwundern, dieser Sportwahn, der jetzt früh morgens das Berliner Zentrum füllt.
Da wird im Kollektiv gedehnt, Wasser getrunken, sich massiert, eingerieben,
warmgelaufen ...
Tausende von Kleingruppen philosophieren über die Laufeinteilung, die
Verpflegung, die Zwischenzeiten, Abnehmen, Trainieren, atmungsaktive
Unterwäsche, Pulsfrequenzen ...
Blin der Masse folgen strömen wir aus
der U-Bahn auf die Straßen. Es riecht nach Massageöl und Schweiß. Langsam, sehr
langsam schieben wir uns zum Start. Um 9 Uhr schicken Verona Feldbusch und
Bürgermeister Klaus Wowereit die Läufer auf die Strecke. Zehntausende schreien
vor Freude, Luftballons steigen auf. Gänsehaut vor Aufregung. Auf diese magische
Stimmung hoffen sie jetzt alle, die sich da allmählich in Bewegung setzen. Die
Begeisterung entlang der Strecke soll Flügel verleihen, zur Bestzeit verhelfen,
Schmerzen lindern – sagt man ...
Für die Spiteznläufer geht es mit zwanzig km/h an der Siegessäule vorbei zum
Brandenburger Tor. Die letzten werden noch nicht über die Startlinie sein, als
man vorne schon „Unter den Linden“ rennt.
Dieser Moment, in dem das Rennen dann real beginnt, ist so überwältigend, dass
die Gefahr, vor Euphorie und Freude zu schnell loszulaufen, enorm groß ist. Wie
lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet. Wie viele Trainingsläufe habe ich
mit dem Gedanken an diesen Lauf verbracht. Wo ich auch trainierte in den letzten
drei Monaten, überall begleiteten mich diese Bilder vom Lauf, vom Mythos
Marathon. Es ist müßig die Geschichte vom ersten Marathonläufer zu erzählen, es
ist müßig die viel diskutierte Frage nach dem Antrieb zu solchem Tun zu
diskutieren, Marathon ist eine Faszination und vielleicht eine Form von
Herausforderung für jeden Einzelnen von uns, die wir sonst in unserem Alltag
nicht mehr erleben.
Aber viele wollen einfach Berlin laufend
sehen und die Stimmung genießen. Also weiter. Wir rollen am Reichstag vorbei.
Dann geht es über den Alex zum Roten Rathaus. Es bestätigt sich, Berlin tobt.
Fast die gesamte Strecke ist dicht gesäumt mit Zuschauern, überall wird
geklatscht und geschrien. Über 60 Musikgruppen unterstützen die Läufer, und das
hilft wirklich.
Ich habe mich eingeordnet. Man versucht jetzt gleichmäßig sein Tempo zu laufen.
Marathonläufer suchen immer eine Gruppe. Im Pulk läuft es sich am leichtesten.
Du bist geschützt gegen den Wind und wirst im Strudel „kollektiver
Kilometerfresserei“ fortgetrieben. Die Vorjahressiegerin bei den Frauen, Naoko
Takahashi ist plötzlich da, und mit ihr ihre Herausforderin Adriana Fernandez
aus Mexiko. Was für eine Gruppe! Die Damenspitze hat ihre eigenen Tempomacher,
die für die richtige Pace sorgen. Dahinter die Spitzenläuferinnen und eine ganze
Traube von ambitionierten Läufern, die versuchen möglichst lange dranzubleiben.
Im Vorjahr war das den meisten Männern nicht möglich. Takahashi stürmte als
erste Frau der Welt unter die 2-Stunden-20-Minuten-Marke. Doch im Augenblick ist
die Gruppe noch groß.
Hermannplatz, zwischen Kreuzberg und Neukölln, Zehn Uhr zehn. Halbmarathon – das
war schon die Hälfte, denke ich und schaue auf meinen Unterarm. Mit
Kugelschreiber stehen da in Fünf-Kilometerabschnitten meine angestrebten
Zwischenzeiten notiert. Ich bin im Plus. Vorsprung auf den Zeitplan – beim
Marathon eine heikle Sache. Einerseits freue ich mich, denn es bleibt ein
Reservepolster für schlechtere Zeiten, die da eventuell noch kommen werden.
Gleichzeitig beschwöre ich mit einem zu schnellen Anfangstempo genau diese
schlechten Zeiten herauf.
„Was du am Anfang zu schnell angehst, verlierst du hinten raus doppelt“ – die
alte Läuferweisheit geht mir durch den Kopf. Aber ich habe keine andere Wahl. Im
Taumel der rauschhaften Begeisterungsstürme, die die Frauenspitze begleiten,
haben wir uns ins Tempo reingesteigert. Ein Blick zurück verrät, dass ein
Herausfallen aus dieser Gruppe wenig hilfreich wäre. Die Verfolgergruppe liegt
weit zurück. Zu lange müsste man alleine laufen. In dieser Gruppe muss ich
bleiben!
„Riskier es!“, denke ich mir. „Nimm den Applaus auf“, ruft mir mein Trainer
rein. Er sieht, dass es schwerer wird. Zwischen Kilometer 25 und 30 greift
Takahashi an. Langsam löst sie sich von ihrer Verfolgerin und läuft uns allen
davon, einem ungefährdeten Sieg entgegen. Die große Gruppe ist gesprengt. Jetzt
kämpft jeder für sich allein. Der Marathon geht in seine entscheidende Phase.
Alles zuvor war Geplänkel. Bis hierhin musst du locker kommen, dann geht´s los.
„Ab hier die Sau rauslassen“, heißt es am Wilden Eber bei Kilometer 36.
Unbestritten einer der Höhepunkte des Berliner Laufes. Traditionell werden hier
die Läufer von Sambaklängen motiviert, die letzten Kilometer anzugehen. Aber was
für Kilometer das sind! Da ist sie wieder, die erwähnte Einsamkeit.
Ich bin ganz in mir, spüre bei jedem Schritt meine Beine, es wird schmerzhaft.
Irgendwie versuche ich mich abzulenken und vom Gedanken an die verbleibenden
Kilometer loszukommen. Wo sind wir, schön wieder im Westen? Sieht man das an den
Häusern? War ich hier schon mal? Irgendwas, Hauptsache dieser hämmernde Gedanke
an das „wie weit den noch“ wird endlich verdrängt.
Zum Glück wartet bei Kilometer 38 meine Schwester. Ein Ziel, zu dem ich mich
durchhangeln kann. Bis dahin das Tempo halten, bis dahin, erst mal ...
Diese ewig langen Straßen hier in Wilmersdorf. Wo ist die blaue Linie, die den
kürzesten Weg markiert? Vor mir einige Läufer, Hinter mir wohl auch. Sie sitzen
mir im Nacken, aber ich weiß, jetzt leidet jeder. „Was du am Anfang zu schnell
angehst, verlierst du hinten raus doppelt“ – ja, ja, ich weiß, ich spür es!
Unglaublich diese Zuschauermengen auf dem Ku´damm, wie sie lärmen, wie sie mich
anfeuern. Rührend, dabei bin ich doch so platt. Ich würde ja gerne, ihnen
zuliebe, „der Geist ist willig ...“ Sie toben, begleiten jeden mit La Ola, doch
irgendwie höre ich sie nicht mehr. Der einsame Kampf dem Ziel entgegen.
Gedächtniskirche, hier muss es doch irgendwo sein. Noch 500m kündigt ein Plakat
an. „Und bist du nicht willig so brauch ich Gewalt!“ – komm! Ein Endspurt! Viel
geben sie nicht mehr her, diese Beine, aber dafür werde ich im Kopf frei und
genieße den Zieleinlauf. Beim Marathon ist es dann doch immer wieder so: Jeder,
der durchkommt, ist ein kleiner Sieger.


